„Ich war nichts als eine Zahl – 54/2.“- Besuch eines Opfer des DDR-Staates

Hartwig Kluge beim Vortrag an der Max-Weber-Schule


Freiheit. Für junge Erwachsene und generell für viele Menschen in Deutschland selbstverständlich. Möglicherweise schon zu selbstverständlich. Reisen wohin man möchte, wählen, wen man möchte, kaufen, was man möchte, leben, wie man möchte. Alles ganz normal für uns. Doch das war nicht immer so in Deutschland.  Auf diesen Umstand hat der Besucher Hartwig Kluge die Klasse G3TF2 aufmerksam gemacht.


Am 6. April 2022 wurden wir, die Klasse G3TF2 der Max-Weber-Schule in Freiburg, vom DDR-Zeitzeugen Hartwig Kluge besucht. Diese Veranstaltung fand während des Gemeinschaftskundeunterrichts mit unserer Klassenlehrerin Frau Frommer statt.
Bereits kurz nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur kam es in Deutschland wieder zu einem Unrechtssystem - der DDR. Von den Auswirkungen dieses menschenrechtsverachtenden Systems war der Zeitzeuge Hartwig Kluge unmittelbar betroffen.
„Wie stellt ihr euch euer Leben mit 20 Jahren vor?“ Diese Frage stellte er uns zu Beginn seines Vortrags. „Ein Jahr im Ausland/ eine Ausbildung/ nichts machen/ studieren/… .“ Auch er träumte nach dem Abitur davon zu studieren: Lehramt in Deutsch und Sport. Doch trotz seiner hervorragenden Leistungen wurde er nicht bei der Aufnahmeprüfung angenommen. Erst viele Jahre später erfuhr er, warum das so war: Sein Vater arbeitete als selbstständiger Tierarzt, in der DDR ein Arbeitsverhältnis, das kritisch gesehen wurde. Herr Kluge selbst war kein SED-Mitglied und immer wieder hatte er sich – meist beiläufig – kritisch dem System gegenüber geäußert. Doch von all diesen negativen Einschätzungen erfuhr er erst sehr viele Jahre später – und zwar in seiner Stasi-Akte! Kluges Traum platzte und er erlebte eine seiner größten Niederlagen.
Als dann noch am 13. August 1961 die Mauer quer durch Berlin gebaut, Familien und Freunde getrennt, Menschen bei Fluchtversuchen über die Mauer erschossen wurden, wusste er, dass er dort weg musste. Eine Flucht in die BRD erschien ihm der einzige Weg, um seine Ziele zu erreichen und ein Leben in Freiheit führen zu können. Aufgrund der damaligen Umstände konnte er seiner Familie und seinen Freunden nicht von den Fluchtplänen erzählen. „Ich unternehme eine kleine Fahrradtour.“ Das waren seine Worte und weg war er, um seine Fluchtroute zu planen. Damals hatte er noch keine Ahnung, was für prägende Momente auf ihn zukommen würden …
Im Januar 1969 wurde der damals 22-jährige Kluge an der ungarischen-tschechischen Grenze festgenommen und kam wegen „ungesetzlichem Grenzübertritts“ in Budapest in Untersuchungshaft. Zu dieser Zeit galt dies als ein Grund, um als politischer Gegner eingestuft und verurteilt zu werden. Heute undenkbar!
Nach vier Wochen wurde er im Februar 1969 nach Halle (Saale) in der Justizvollzugsanstalt „Roter Ochse“ inhaftiert. Erst im Juni fiel das Urteil: 18 Monate Haft wegen Republikflucht. Ein Leben in einer Zelle begann: In Isolationshaft hatte er niemanden, mit dem er sprechen konnte und in seinen Tätigkeiten, die er in Haft verrichten durfte, wurde er außerdem eingeschränkt (keine Liegestütze!), einfach nur warten. Durch die in der Wand eingesetzten Glasbausteine konnte man nur sehen, ob es hell oder dunkel war – mehr nicht. Man hatte keinen Namen mehr, nur eine Nummer. Eine quälende und sehr emotional belastende Zeit begann – von der auch nicht klar war, wann sie enden würde. Doch Hartwig Kluge kämpfte sich durch und blieb seinen Werten bis zum Schluss treu – er lehnte es ab, entlassen zu werden und im Gegenzug als Stasi-Spitzel zu arbeiten. Ende 1969 wurde er dann unwissentlich von der Bundesrepublik freigekauft.
Heute führt Hartwig Kluge ein glückliches Leben in Freiburg, absolvierte erfolgreich ein Jura-Studium und hält viele anschauliche Vorträge über sein Leben in der DDR.
Es ist mehr als beeindruckend, mit was für einer scheinbaren „Leichtigkeit“ er uns von seinem Leben erzählen konnte, obwohl ihn diese Zeit bis heute gezeichnet hat. Unsere ganze Klasse ist voller Respekt!
Hartwig Kluge war uns ab der ersten Sekunde sympathisch und wir hätten ihm gerne noch länger zugehört. Vielen Dank für diese informative und mitreißende Stunde! Wir wünschen Ihnen für Ihren weiteren Lebensweg alles Gute und hoffen, dass Sie noch mehr Menschen vor Augen führen werden, wie gut wir es hier und heute in Deutschland haben – ein (nicht selbstverständliches!) Leben in Freiheit.

Judith Ganter, G3TF2, April 2022